Motto zur Geschichte der Donauschwaben
(Vers von Dr Hans Hoffmann)
Volk der wackren Donauschwaben,
Die wir nie vergessen haben.
Und studiert ihre Geschichte
Darzustellen im rechten Lichte
Der Tragödie schlimmen Lauf,
So die Menschen horchen auf,
Zu erkennen aus heutiger Sicht,
Daß die Wahrheit kommt ans Licht,
Und die Mühe soll sich lohnen,
Richtschnur weiteren Generationen.
Frieden in der Wahrheit finden
Und die Völker eng verbinden.
Josef Fehérvári (Fritz) :
ALTOFENS GESCHICHTE IM 20. JH.
/Aufgrund der Erinnerungen von Stefan Neubrandt, Tibor Budai/Volk und Georg Horvath, alias Florian Werkli/
In der ersten Hälfte unseres schon ausklingenden Jahrhunderts bewahrte noch Altofen seinen multikulturellen, ethnisch vielfarbigen Charakter. Friedlich lebten hier bis zum ersten Weltkrieg die überwiegende Mehrheit bildenden Deutschen mit Juden, Slowaken und Bulgaren und natürlich Magyaren zusammen. Doch die Assimilierung der seit 1698 bis Ende des 18.Jhs. in mehreren Wellen in Altofen Heimat suchenden katholischen Süddeutschen war unaufhaltbar. Man konnte noch bis 1945 die eigenartige süddeutsche Mundart auf den Volksbarock - Gässlein von Óbuda hören, aber die Nachfolger der "Braunhaxler", der ehemaligen Weinwirte und Hacker (die in aufgekrempelten "Katjehosen" arbeitend, mit von Sonnenschein und Lehmboden braun gewordenen "Haxen" sich rühmen konnten) sind schon "jó magyarok" (gute Magyaren) geworden. Wo waren schon zu dieser Zeit die von der Reblaus vernichteten Altofner Weingärten, wo war schon der in ganz Europa weit und breit beliebte hervorragende Ofner Rotwein? ("Budai vörös")
Es lebte hier ein den Pfad seiner typischen "schwäbischen Tugenden" wandelndes, überaus religiöses, seine treue katholische Gesinnung nicht verleugnendes, traditionsbewußtes, Haus und Hof, Kleidung und Körper sauber haltendes, recht fleißiges und tüchtiges, nicht zuletzt beispielhaft sparsames Völkchen. / Die "Sporsamkeit" mancher "Nockerlzöller" wurde oft in witzigen Geschichten treffend charakterisiert: Wie viel Nockerln sollten aus 1 Kilo Mehl gemacht werden? Ob Kümmel auch ein zweites mal wieder in der Suppe ausgekocht werden können? Oder: "Hund verkaufe, selber belle!"/.
Was die Organisiertheit der Altofner Deutschen betrifft, müssen die zahlreichen kirchlichen Vereinigungen in erster Linie erwähnt werden: Altar-, Rosenkranz-, Leichen-Bestattungsvereine, Jungmänner - und Mädchenverein, "Credo", Herz - Jesu -Garde, Marienkongregation, kirchliche Chöre usw. Die in Ungarn als erste vom Altofner Pfarrer Nándor Cselka gegründete selbständige soziale Hilforganisation und Krankenkasse für Arbeiter existierte in Altofen seit 1884 - bis 1950 /"Cselka - Verein"/.
Berühmt waren in Altofen nicht nur die kirchlichen sondern auch die weltlichen Chöre, fast jede Fabrik, Schule oder Organisation hatte einen eigenen Gesangverein, Liedertafeln besuchten die stimmungsvollen, kleinen Kneipen, wo Schrammelkapellen spielten. Die Blasmusik war an Festtagen, wie am "Kiritog" zu hören, ebenfalls bei Bällen und Hochzeiten, Das große "Wergl" mit seinen alten Melodien gehörte zum romantischen Stadtbild von Altofen. Es gab zahlreiche Tischgesellschaften, Leserkreise für Arbeiter, Leihbibliothek. Altofen spielte im Sportleben der Hauptstadt immer eine wichtige Rolle.
Das traditionelle deutsche Brauchtum war auch in Altofen in erster Linie mit dem Kirchenjahr verbunden /Nikolaustag, Weihnachtszeit, Christkindl - Singer, Silvestertag, Neujahrswünschen, die heiligen drei Könige, Faschingszeit, Karwoche und Osterzeit, Floriantag, "Bitt-Tag" um Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, "Kiritog" am Tag Peter und Paul mit Erntefest, "Maria Kräuterweih", Allerheiligen - und Allerseelentag, Kathrein, sowie Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit und Beerdigung wurden besonders feierlich begangen/
Mit der Industrialisierung ging auch eine tiefgehende soziale Umstrukturierung in Altofen vonstatten, sie spiegelte sich auch in den zivilen Organisationen wider. Ganz oben auf der Stufenleiter standen manche Braunhaxler, die durch Weinhandel, als Grundspekulanten, Mithauseigentümer usw. reich wurden.
Eine mittlere Schicht vertraten Gastwirte, selbständige Handwerker und Meister, Kleinhändler, eine andere gesonderte Kaste bildeten Beamter, Intellektuelle und Angestellte.
Einen eigentümlichen Platz hatten in dieser Struktur die Fuhrleute in Altofen, meist aus ehemaligen Braunhaxler - Familien, die nach dem vernichtenden Schlag der Phylloxera (Reblaus) in den 80-er Jahren des 19.Jahrhunderts die Baukonjuktur in Budapest ausnutzten und sich mit Wagen und Pferd in den Transport der Produkte von den Altofner Ziegelfabriken einschalteten.
Ganz unten auf der sozialen Stufenleiter standen die Proletarier /z.B. die Hilfsarbeiter in den Ziegelfabriken/, ihnen kamen sogar die Knechte und Mägde mit einer höheren Stufe zuvor. Hohe Autorität galt für die Facharbeiter, unter ihnen wurden viele von ausländischen "Investoren" /z.B. in der Schiffwerft/ eingeladen. In der Monarchie und zwischen den zwei Weltkriegen erweiterten auch Altofner Facharbeiter ihre Fachkenntnisse im deutschsprachigen Ausland, woher sie nicht selten ihre Bräute mitbrachten.
Bis Ende des ersten Weltkrieges herrschte jedenfalls eine deutschsprachige Atmosphäre in Altofen, in der Mundart sprachen die Meister mit den Handwerkern, da sie die entsprechenden Fachausdrücke nur Deutsch kannten, die Weingärtner mit den Tagelöhnern, die Fuhrleute, die Gastwirte, die Marktfrauen, die Klatchbasl usw. Hochdeutsch wurde nur bei Intellektuellen benutzt, sie verwendeten in ihrer charakteristischen ungarischen Rede noch lange deutsche Wörter.
Als gutes Geschäft galt: aus den Bauernhäusern mit wirtschaftlichen Nebengebäuden, mit Küchen - und Weingärten, kleine Mietwohnungen auszubauen. So hatten einfache ebenerdige Häuser, deren Fassade an der Straßenseite 3 - 4 Fenster und ein Barocktor hatte, im Hinterhof und im Garten mehr als ein Dutzend billige Küche-Zimmer-Wohnungen für die in den Altofner Betrieben Arbeitenden.
Mit der Emanzipation der Juden bestand die Möglichkeit für die Altofner Juden, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, auch in Ofen und Pest Bürgerrecht zu erwerben. Bis zu ihrem Holocaust blieben aber doch zahlreiche Juden ihrem, seit dem 18.Jh. bewohnten, Altofen treu.
Schon vor dem vernichtenden Schlag durch die Reblaus hatten Altofner Weinwirte das Recht - ein Strohkranz über dem Tor signalisierte es - in eigenem Haus das eigene Heurige zu verkaufen. Aus diesen Braunhaxler - Familien entstammten berühmte Gastwirte, die mit fleißiger Arbeit Generationen hindurch /Gigler, Thaller, Kehli, Fleßner usw./, aus Altofen eine Art „Grinzing” schafften. In den winzigen Weinlokalen sang man ja überwiegend "Wiener Lieder"!
Besonderes die Künstler aus der Großstadt Budapest schätzten die stimmungsvollen Gasthäuser mit Laubgärten in Altofen hoch, mit den Schrammelkappellen und Blasorchestern. Der berühmte Novellist Gyula Krudy verbrachte seine letzten Jahre in den ihren Dornröschen - Traum träumenden kleinen Altofner Gassen, eine Gedenktafel ist auf seinem Wohnhaus zu sehen.
Das von Dichtern besungene romantische - heitere Altofen hatte aber auch ein anderes, recht trauriges Gesicht auf seinem Janus - Kopf: das schreckliche Proletarier-Viertel bei den Ziegelfabriken.
Auch ehemalige arme Braunhaxler wurden proletarisiert. Nicht zufällig wurde mit der Förderung von Mihály Táncsics, dem berühmten Volksapostel " Der Erste Arbeitsferein " 1869 in Altofen gegründet, aus dem ebenfalls aus Altofen entstammende Leo Frankel, der später in der Pariser Kommune eine wichtige Rolle spielte, den "Allgemeinen Arbeiterverein" organisierte. Altofen kann mit Recht als die erste Wiege der ungarischen Sozialdemokratie /diese Anerkennung verdienten die deutschen Arbeiter der Altofner Schiffswerft/ betrachtet werden.
Für die Arbeitslosen bestand ein "Menschenmarkt" auf dem Florianplatz beim Florian - Denkmal, wo auch die Altofner Landwirte Knechte aus der Slovakei und aus Siebenbürgen anmusterten. Als letzte Minderheitsgruppe erschienen bulgarische Gärtner in Altofen, die schon vor dem ersten Weltkrieg den Gemüsebau versuchten zu entwickeln, und zwar mit Erfolg, ihre Nachkommen blieben in Altofen bis heute.
Der „Trianonvertrag“ (die Versailles-Verträge nach dem Ersten Weltkrieg) brachte auch für Altofens turbulentes multikulturelles Leben ein Ende. Es nahm eine mehr oder weniger gewaltsame "Magyarisierung" ihren Anfang. / "Du frisst ungarisches Brot, so sprich Ungarisch!"/. Staatliche Anstellung, Karriere in staatlichen Ämtern, ein Hinaufsteigen auf der "Eselsleiter", galt für Ungarndeutsche nur, wenn sie ihren deutschen Namen ungarisierten. Auf den traditionellen Altofner Weinlesefesten erschienen die waschechten deutschen Burschen und Mädel nunmehr in ungarischer Volkstracht aus der Kostümausleihe. Die Schwabenburschen ritten als "Tschikos" im Festzug, die Gäste saßen im Gasthaus unter ungarischen Trikoloren in "rot-weiß-grün". Der Roth, der Weiss und der Grün sind auch zu Madjaren geworden. Die Magyarisierung wirkte auf die alltägliche Kommunikation aus, die Deutschen sprachen schon untereinander Ungarisch, wenn auch mit einer deutschen Aussprache, worûber viel gelacht wurde.
Der Volkbund der Deutschen in Ungarn versuchte 1939 auch in Altofen durch die Wiederbelebung der deutschen Kultur seinen Einfluss auszubreiten. Es gab auch eine große Volksbund-Schule in der Kiscelli - Straße.
Mit dem Kriegsende erlebte 1945 die Altofner deutsche Minderheit seine erste Schicksalsprüfung: die Verschleppung der männlichen Einwohner / im Alter zwischen 15 - 50 Jahren/ zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Die die Bürger verschleppenden Rotarmisten operierten mit der Lüge: "malenkij robot", es geht nur um eine „kleine Arbeit“, die Männer dürfen bald zurückkehren. Sie sammelten die gefangenen Zivilisten in von deutschen bewohnten Gebieten ein, so auch in Altofen, wo in den letzten Dezembertagen 1944 die beinahe ganze männliche Bevölkerung verschleppt und in Fußmarsch durch Rumänien nach der Sowjetunion vertrieben wurde um dort jahrelang für die Reparation (Wiedergutmachung) arbeiten zu müssen. Statistische Angaben stehen uns erst seit 1950 zur Verfügung, sie zeigen in der Altofner Bevölkerung einen Kriegsverlust von rund zwölf tausend. Etwa ein Drittel der Verschleppten kam schon unterwegs auf dem Todesmarsch um /Frost, Verhungerung, Epidemie/, der zweite Drittel "verreckte", verhungerte in Russland und der dritte Drittel kehrte - schwer erkrankt - erst nach 3 bis 4 Jahre Schwerstarbeit nach Ungarn zurück.
Die zweite Schicksalsprüfung der Ungarndeutschen: die Vertreibung ("Aussiedlung" im Sinne des Potsdamer Abkommens) bezog sich dagegen auf relativ wenige Altofner Deutsche. Nur stark exponierte Volksbündler mussten das Land verlassen. Dabei spielte eine entscheidende Rolle, dass die Vorschriften des Potsdamer Abkommens bei den stark assimilierten Altofner Deutschen unanwendbar waren. Genauer gesagt impraktikabel, da es bei ihnen - die meist kleine Existenzen und Arbeiter ohne Vermögen waren - um "Enteignung von deutschem Eigentum für die Sowjetunion" nicht handeln konnte. Was noch wichtiger war: der Staat beanspruchte ihre Arbeit. In den schweren Nachkriegsjahren durften sie auf den wichtigsten wirtschaftlichen Gebieten schuften. (Aus gleichen Gründen wurden z.B. die Deutschen der in der Nähe liegenden Gemeinde Werischwar, die in Kohlengruben arbeiteten, und mit ihren Familien etwa 90 % der Bevölkerung ausmachten, ebenfalls nicht vertrieben.)
Die dritte Schicksalsprüfung für die Altofner Deutschen - auch eine Art "Vertreibung" - war das städtische Sanierungsprogramm, im dessen Rahmen 1967-1977 die Altstadt von Altofen niedergerissen wurde. Urwüchsige Altofner erhielten Tausch -Wohnungen in entfernten Regionen der Hauptstadt /Ujpalota, Káposztásmegyer,Albertfalva usw./. Mit diesen barbarischen Maßnahmen ging das sozialistische Ungarn den berüchtigten Urbanisierungsplänen von Ceaucescu in Rumänien voraus. Ein Wohnungsbaukombinat sowjetischen Typs stellte einförmige Fertigteilhäuser mit 10-15 Stockwerken auf Laufbahn her: echte Betonsilos, geschmacklos, ohne Phantasie und obendrein sehr teuer im Gebrauch. Sie sind noch heute traurige Baudenkmäler einer, die kulturellen Werte der Vergangenheit rücksichtslos vernichtenden Stadtplanung. Braunhaxler, die aus ihrer kleinstädtischen, beinahe dörflichen Umwelt losgerissen wurden, wo ihre Vorfahren 6-8 Generationen hindurch lebten, wo auf den Hausfassaden z.B. Täfelchen den Hochwasser-Stand aus 1938 zeigten, wo der Bagger den vom "Kukkähnl" /Urgroßvater/ gesetzten alten Birnbaum samt Wurzeln umstürzte, fühlten sich selbst als ein mit seinen Wurzeln aus dem Mutterboden gerissener Baum. Es gibt noch unter den Ältesten immer noch Braunhaxler, die im Traum noch oft ins alte Vaterhaus, in den Garten ihrer Kindheit, ins Nest der früheren deutschen Gemeinschaft zurück kehren.
Man hört noch, als das Ahnl /Oma, Grossmutter/ sagt: " Sepp, ke hui Milli!" /Sepp,geh hol Milch/.
Erst 1993, nach dem Systemwechsel ging es soweit, dass - dem Beispiel des Budapester Deutschen Kulturvereins folgend - der Verein der Braunhaxler zur Pflege der deutschen Traditionen in Altofen gegründet wurde. 1994 bestand die Möglichkeit eine Selbstverwaltung für die deutsche Minderheit in Altofen - Krottendorf bei dem kommunalen Wahlen im dritten Bezirk von Budapest zu bilden. Dadurch wurden bescheidene finanzielle Mittel für die folgenden drei Tätigkeitsbereiche zur Verfügung gestellt:
1. Sprachunterricht für die deutsche Minderheit. Seit 1995 wurden in 2-2 Altofner und Krottendorfer Kindergärten deutsche Gruppen gestaltet, in 1-1 Altofner und Krottendorfer allgemein bildende Schule startete deutscher Unterricht für die Kinder der deutschen Minderheit. Diese "Deutsch als Fremdsprache" lernenden Gruppen bilden gleichzeitig Kulturgruppen: eine deutsche Singergruppe und eine Tanzgruppe, die auf unterschiedlichen Veranstaltungen auftreten.
2. Eine ortsgeschichtliche Heimatkunde Gruppe zur Pflege der deutschen Traditionen, ein Deutscher Chor, sowie ein Braunhaxler - Klub zur Pflege der deutschen Sprache sind gegründet worden. Es werden jährlich 4-6 öffentliche Veranstaltungen, sowie Volksfeste organisiert /"Kirschen-Kiritog", Nationalitätentage in Krottendorf, Tag der Deutschen Kultur, "Ofner Krumpiernkiritog"/.
3. Als letzter, jedoch die größte finanzielle Investition beanspruchende Tätigkeits bereich sollte der Kunstdenkmalschutz erwähnt werden. Planmäßig werden Kunstdenkmäler, die zum historischen Stadtbild von Altofen gehörten und während der kommunistischen Diktatur vernichtet wurden, neu gestaltet und wieder aufgestellt. So wurden die 14 Kreuzweg-Stationen auf dem Kalvarienberg beim "Klein-Mariazell" in Altofen 1994 restauriert und bis 2000 wird auch das monumentale Dreifaltigkeitsdenkmal mit der Gruppe von Barockstatuen auf dem Dreifaltigkeitsplatz neu gestaltet.
Das größte Problem des Braunhaxler-Vereins ist schon - wie es scheint - nicht mehr zu lösen. Vereinsmitglieder gibt,s (noch) genug - um 500 - unter ihnen bekennt sich aber höchstens 10% der Mitglieder bewusst zu Ungarndeutschen. Die Mehrheit der Mitglieder ist noch im Bewusstsein ihrer deutschen Herkunft, sie rechnen sich aber schon zu den Assimilierten. Es scheint, das Rad der Geschichte ist nicht zurückzudrehen.
Budapest, Oktober 1998 Dr Josef Fehérvári (Fritz)