BERICHT DER ALTOFNER (Óbuda) UNGARNDEUTSCHEN
über ihre Tätigkeiten 1993-2000
Die Zusammenstellung der Deutschen (Minderheiten-) Selbstverwaltung (DSV) Die ungarndeutsche DSV von Budapest 3. Bezirk, Altofen - Krottendorf (also Óbuda - Békásmegyer, mit etwa 150.000 Einwohnern, davon 3-4 % ungarndeutscher Abstammung) arbeitet praktisch tagtäglich mit dem lokalen "Braunhaxler - Verein zur Pflege der Deutschen Tradition" zusammen, d.h. die Tätigkeiten sind nicht voneinander zu trennen. Diese unsere ungarndeutsche Zivilorganisation hat zwar über 500 Mitglieder, aber zu ihrem Deutschtum bekennen sich davon etwa nur 20%. Immerhin sind wir - die 12 Vorstandsmitglieder und die Fachberater alle "Schwaben", und 5 von uns geben halt die DSV. Bei den Kommunalwahlen 1998 haben sich in die DSV 9 Kandidaten, darunter 2 Zigeuner, nominieren lassen, sind aber nur die 5 Kandidaten des Braunhaxler - Vereins gewählt worden; 16726 Bürger stimmten auf die "Deutschen" und wir bekamen gesamt 38796 Stimmen.
Dadurch, dass in der DSV gleich am Anfang (1994) ein Muttersprachunterricht - Ausschuss gegründet wurde, sind zur DSV auch 10 Deutschlehrer/innen bzw Kindergärtnerinnen herangezogen worden. So herrscht bei den Sitzungen immer ein lebhaftes Treiben.
Tätigkeit der Deutschen Selbstverwaltung (DSV)
Die Zusammenarbeit mit der örtlichen Kommunalen Selbstverwaltung klappte bisher relativ gut. (Obwohl auch hier alle 10 Minderheiten-Selbstverwaltungen – unabhängig von der erreichten Wahlstimmenzahl -gleichmäßig gefördert werden, d.h. bekommen wir alle etwa 2 Millionen Forint zu unserem Jahresbudget. In der Wirklichkeit bekamen aber die Kandidaten der DSV allein doppelt so viel Stimmen(38796) als die anderen 9 Minderheiten insgesamt (18857). Immerhin der populäre Bürgermeister von Óbuda-Békásmegyer, Stefan TARLÓS ist Ehrenvorsitzender des Braunhaxler–Vereins und wir geniessen in Óbuda-Békásmegyer auch sonst allgemeine Sympathie.
In der Legislaturperiode 1994 - 1998 waren wir sogar in 3 Ausschüssen der Lokal - (Bezirks) Selbstverwaltung vollberechtigte Mitglieder, (Kultur, Unterricht und Soziales), aber in der neuen Wahlperiode 1998 -. 2002 sind die Minderheiten in keinem der Ausschüsse gewählt worden, nicht einmal in den Ausschuss für Minderheiten ( denn die "Minderheiten" sind einfach zu viel geworden!).
In unserer Tätigkeit als Deutsche Selbstverwaltung gingen wir von Anfang an davon aus, dass die Interessen der Ungarndeutschen von der Mehrheitsbevölkerung nur in Kultur, Traditionspflege und Unterricht abweichen, deswegen konzentrier(t)en wir uns auf diese Themen (ergänzt durch Sozialarbeit)
a) Muttersprachenunterricht: nicht möglich, Deutsch
als Fremdsprache!
Es ist uns gelungen, in 4 Kindergärten (jeweils 2 in Altofen und 2 in Krottendorf) ungarndeutsche Nationalitätengruppen, und in 2 guten Schulen (jeweils 1 in Altofen und in Krottendorf) ungarndeutsche Klassenzüge aufzustellen. Diese sind jetzt schon im 6. Jahr und wir sind mit ihrer Tätigkeit zufrieden, obwohl es auch bei uns an Nationalitäten - Pädagogen mangelt, und die staatliche Zusatzförderung des Minderheitenunterrichts wird hier auch nicht an die Lehranstalten weitergegeben! Die Lehrer und Lehrerinnen sind aber sehr aktiv! Jede Klasse ist gleichzeitig eine ungarndeutsche Kulturgruppe. Sie organisieren regelmäßig deutschsprachige Programme inkl. Ausflüge und Sommerlager im In- und Ausland, die wir alle fördern. Ihre Tätigkeit bereitet sowohl den Kindern als auch den ungarndeutschen Eltern große Freude, obzwar wir dessen bewusst sind, dass Deutsch schon als „Fremdsprache“(„Großmuttersprache“) unterrichtet wird, und diese Schulklassen praktisch dem vielkritisierten Schultyp "C" der Zwischenkriegsperiode entsprechen. Lediglich müssen wir zugeben, dass sie wenig Identität vermitteln. (Dazu sind nur geschlossene ungarndeutsche Bildungsanstalten fähig und diese sind hier nicht möglich.)
In 3 Schulen sind ungarndeutsche Tanzgruppen tätig. In der "Medgyessy - Schule" das "Kincsõ Ensemble" (sie tanzen überwiegend ungarische aber auch deutsche Tänze), aber die "Bárczy - Schule" ("Tekla-Ensemble"), und die "Erste Altofner Grundschule", führen ausschließlich ungarndeutsches Programm vor.
b) Veranstaltungen
Wir haben praktisch wöchentlich irgendeine Veranstaltung. Bei diesen haben wir schon länger feststellen können/müssen, dass die "deutsche Seele" von Altofen (bis 1945 etwa noch 50% Deutsch) schon tot ist, und aus der vielbesungenen multikulturellen Óbuda - Atmosphäre wenig geblieben ist. Das Ungarndeutschtum lebt schon in der "25-en Stunde" seiner Geschichte, und unsere Leute (z.B. die Jugendlichen) wollen keine Deutschen mehr sein.
Wir haben auch den Fehler begangen, dass wir viele groß angelegte Programme organisier(t)en, die uns viel Energie und Geld kosten. So organisieren wir z.B. jährlich, praktisch allein d.h. ohne Hilfe der örtlichen Selbstverwaltung, die "Kirmes von Altofen" (Óbudai Búcsú), ein Volksfest mit Programmen der Minderheiten. Die Kirmes dauert 2,5 Tage lang, im Rahmen eines großen Bierfestes, an der aber etwa 10.000 bis 15.000 Gäste erscheinen. Die Ungarndeutschen wollen sich von den anderen Bewohnern des Bezirks keinesfalls absondern, daher sollen/wollen sie gemeinsam feiern… Am Anfang war der Hintergedanke dabei, dass wir mit solchen traditionellen Volksfeste die Ungarndeutschen aus ihrem "Versteck" herausholen können, damit sie sich wieder zu ihrem Ungarndeutschtum bekennen. Es ist uns aber nicht gelungen. Wir sind auch darin unsicher, ob unsere gemeinsamen Programme zusammen mit anderen Minderheiten (jährlich "Minderheiten-Tage" von Krottendorf etc.) der Rückgewinnung von Identität und Selbstbewusstsein dienen können.
Bei unseren Veranstaltungen („Schwaben - Fasching”, ”Kirschen - Kiritog" Óbuda und „Krumpiern - Kiritog" wird zwar die Blasmusik mit Freude begrüßt, gerne Polka getanzt, aber gesungen und gesprochen wird fast nur Ungarisch. Der „Deutsche Klub” in unserer Begegnungsstätte zieht leider nur 10-15 Leute an, meistens sind wir sogar dort gezwungen Ungarisch zu reden, weil die Mehrheit der Teilnehmer kein Deutsch (mehr) versteht. Die Braunhaxler-Wandergruppe organisiert monatliche Bergtouren. Sehr viele Leute nehmen an unseren Ausflügen im In- und Ausland teil, unter 100 Personen können wir einfach nicht verreisen, weil das Interesse so groß ist.
Sehr aktiv sind wir mit deutschsprachigen kirchlichen Programmen (6 bis 8 im Jahr) überwiegend im Rahmen des Braunhaxler-Vereins, organisert durch unseren Stefan Neubrandt. Die Pfarrer machen gerne mit, genau wie unser „Braunhaxler Deutscher Chor” mit der Sammlung und Aufarbeitung des alten deutschen Liederschatzes.
Gut laufen die Kontakte mit unserer Partnergemeinde in Baden-Württemberg (Billigheim, bei Mosbach): Lehreraustausch, gegenseitige Reisen mit Kulturprogrammen etc.
c) Heimatkunde: Forschungen, Veröffentlichungen
Dafür haben wir eine ungarndeutsche Expertengruppe, arbeiten aber mit anderen Zivilorganisationen unserer Stadt ebenfalls eng zusammen(Óbuda Baráti Kör, Óbuda Museum, Békásmegyeri Keresztény Nemzeti Kör, etc)
1997 haben wir ein Buch („Unsere Heimat, Krottendorf”) herausgegeben, das praktisch eine neuredigierte Fassung vom "Heimatbuch der Krottendorfer" ist, das in Deutschland von unseren vertriebenen Landsleuten geschrieben und veröffentlicht wurde, über ihr Leben, Bräuche etc bis 1946 in Ungarn.
Im Jahre 2000 zum Milleneum des ungarischen Staates wird unseres deutschsprachiges Buch als ein Lehr/Arbeitsheft für die Schulen,mit dem Titel „Chronik von Altofen” – Umweltkunde-Ergänzungsmaterial für den Deutschunterricht, inkl. die Aufarbeitung der (deutschen) Geschichte von Óbuda.
Unter Vorbereitung stehen :
- ein zweisprachiges Büchlein,die "Deutsche Chronologie von Óbuda - Békásmegyer" und
- zweisprachiges Büchlein „Die Nothelfer-Heiligen in Ungarn“, die Verbreitung des Kultes der „Vierzehnheiligen“ in Ungarn (durch die Deutschen)
d) Denkmalpflege
Eindeutig erfolgreich waren wir bisher mit der Vergangenheitsbewältigung und der Denkmalpflege. Schon vor der Gründung der DSV gelang es im Dezember 1994, eine zweisprachige Gedenktafel an der äußeren Wand des Altofner Rathauses anzubringen, die an die Verschleppung (1945) der ungarndeutschen Zivilbevölkerung ("málenykij robot") in die Zwangslager der Sowjetunion erinnert. Bei der Einweihung war auch der Deutsche Botschafter- Herr Otto - Raban HEINICHEN anwesend.
Der Verschleppung ("málenkij robot") in die Arbeitslager der Sowjeunion gedenken wir jährlich am 26. Dezember mit Blumen und Gottesdienst. An diesem Exodus waren - beginnend mit Weihnacht 1945 - 7.000 bis 12.000 Óbudaer Bürger betroffen! Die Erinnerung an die Vertreibung der Ungarndeutschen wird genauso vielfältig wach gehalten, dafür haben wir 1996 (nach 50 Jahren) auch ein Denkmal in Békásmegyer errichtet.
In unserer Organisierung und Finanzierung wurden 1996 die 14 Stationen des berühmten Kalvarienbergs „Kleinzell" (KISCELLI KÁLVÁRIA) restauriert und wieder aufgestellt. (Heute wächst hier nicht mehr das Unkraut sondern gehen Mütter mit ihren Kindern spazieren.)
Unser laufendes Vorhaben ist die Wiederaufstellung des barocken Dreifaltigkeitsdenkmals (1739) auf dem Heiligen - Seele - Platz beim Brückenkopf der Árpád - Brücke in Altofen, das in den 50er Jahren zerstört / entfernt wurde. Es gehörte einmal zum geschichtlichen Stadtbild von Altofen als Treffpunkt für alle inkl. der Arbeitslosen. Einzelne Stücke vom großen Denkmal (10 m hoch, mit 9 Statuen geschmückt) waren vielerorts in schlechtem Zustand aufzufinden, aber die Restaurierung und die Wiederaufstellung war und ist mit so viel Aufwand und Bürokratie verbunden, dass es uns beinahe den Mut genommen hat. ( Bei der ersten Wiederaufbauausschreibung reichten die Angebote der Restauratoren - Unternehmer von 32 bis 65 Millionen Ft…)
Nach 5 Jahren Organisierung / Geldsammlung sind wir aber jetzt so weit, dass wir am Samstag, den 24.Juni 2000 um 15.00 Uhr das restaurierte / wieder aufgestellte Dreifaltigkeitsdenkmal einweihen werden, es fehlen nur noch 2 Millionen Ft.
Der Stadtteil Békásmegyer (Krottendorf) kommt auch nicht zu "kurz" da wir dort im Mai 2001 das einstige (um 1912 errichtete) Feuerschutz-Denkmal, das sogennante "KURTZ-KREUZ" restaurieren und wiederaufstellen wollen.
Arbeitsbedingungen: relativ gut
Warum relativ : weil mit einem Jahresbudget von 2,5 Millionen HUF (DM 20.000)
keine grosse Sprünge machen kann.Davon kostet allein die Inbetriebhaltung des
Büros und des Deutschklubs etwa 1 Million HUF. Die Denkmalpflege wie vorhin
behandelt kostet das 3-4-fache, was wir durch andere Kanäle mit Riesenaufwand
auftreiben müssen. Wir haben wir im Laufe unseres ersten 4 Jahre - Mandates
1994-1998 ein schönes eigenes Büro mit einer Begegnungsstätte (durch die Hilfe
des BMI aus Deutschland) auf dem Florians-Platz (Flórián-tér) einrichten können.
Sie werden von der DSV, dem Braunhaxler - Verein und der „Braunhaxler Gemein-
nützigen Stiftung” gemeinsam betrieben. Da die Räume klein sind (Klubraum etwa
für 20 Personen), können sie leider nicht effektiv genug ausgenützt werden,so
muß z.B. unser "Braunhaxler Deutscher Chor" - der schon über 50 Mitglieder hat -
woanders proben.
Wir geben uns selber kein Honorar (auch keine Kostenerstattung), organisieren aber auch Programme an denen wir verdienen können, und bewerben uns bei allen möglichen Stellen/Stiftungen sehr fleißig, früher mehr, heutzutage immer weniger erfolgreich.(1994-1998 hat man noch schöne Förderungen bekommen können, aber seit etwa 1998 - seitdem sich die Zahl der vorher nie gesehenen Minderheitenorgansiationen und Minderheitenvertreter - "Etnobusiness" nennt man das -verfünffacht hat, sind die Förderungssummen eher symbolisch geworden!)
Zukunftserwartungen : wir sind nicht optimistisch.
Was unsere"Stadt" Óbuda-Békásmegyer betrifft (und das muß in den anderen Stadtteilen der Hauptstadt ähnlich sein)
a/ gehen wir davon aus daß die für Februar 2001 geplante "Volkszählung" in Ungarn den Nachweis bringen wird, daß die Minderheiten - zumindest in den Städten - zum "Verschwinden verurteilt" sind. Das war in der Geschichte Ungarns bisher immer so gewesen.
b/ Ungarn fühlt sich schon sicher in die EU kommen, daher wird "die jetzige Mode" der Förderung der inländischen Minderheiten" zurückgehen und für ein "Europäertum" weichen...
Budapest, April 2000
Josef Fehérvári, Vorsitzender der Deutschen Selbstverwaltung Óbuda-Békásmegyer